AXEL WUNSCH - absolvierte von 1956 - 1958 eine Lehre als Industriefärber. Seine künstlerische Ausbildung erfolgte in Leipzig von 1963 bis 1968 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Wolfgang Mattheuer. Seither ist er freischaffend in Karl-Marx-Stadt, jetzt Chemnitz tätig. Seit 1969 war Wunsch Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR und gehört heute auch weiteren Mitgliedschaften in künstlerischen Vereinigungen an, wie dem Kunstverein Laterne Chemnitz, dem Zwickauer Kunstverein und der Kunsthütte Chemnitz. Axel Wunsch arbeitet als Maler, Zeichner, Grafiker und Plastiker und experimentell im crossover aller ihm verfügbaren, zumeist einfachen Mittel. 


Sieglinde und Axel Wunsch 2010 in Rübenau

Werner Ballarin: Axel Wunsch - Bildbesprechung,

Galeriekonzert am 20.05.01, Chemnitzer Musikverein u. Sparkasse Chemnitz

Im Anschluss an Schumanns Phantasiestücke habe ich Ihnen ein Bild aus dem Bestand der Neuen Sächsischen Galerie mitgebracht, das - auch wenn es ein zeitgenössisches Werk ist - mit Fug und Recht "romantisch" genannt werden darf.

Es ist das Gemälde "Abend in Rübenau" aus dem Jahre 1986 von der Hand des bekannten Chemnitzer Malers und Grafikers Axel Wunsch.


Die Romantiker wie Caspar David Friedrich hatten einen unübersehbaren Hang zum ruhig liegenden Querformat. Man denke nur an eines der bedeutendsten Werke Friedrichs, an den "Mönch am Meer", bei dem man die Vorstellung hat, dass der Strand- und Meereshorizont sich rechts und links weit über den Bilderrahmen hinaus ins Unendliche dehnt.

So ruhig-einsam gelagert ist die Landschaft bei Axel Wunsch jedoch nicht.

Hier steigt man mit den Augen im Bildformat hinan. Von einem erhöhten Standpunkt schauen wir auf ein Dach hinab, auf ein Stück Erde, aus dem sich - immer noch unter uns, quasi zu unseren Füßen - eine Fichte aus dem Dämmerlicht des Tales löst. Eine Straße biegt den Berg hinauf bis in unsre Augenhöhe. Und noch höher steigt unser Blick über die Dächer des erzgebirgischen Dorfes hinaus bis zu den Höhenzügen über uns.

Wird hier nicht durch das starke Ab und Auf Aktivität vermittelt, die nichts zu tun hat mit dem andächtigen Innehalten, wie man es aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts kennt?

Freilich sieht die Welt des 20. nun einmal anders aus, freilich ist sie dynamischer geworden. Das belebende hohe Bildformat ist dafür eine sinnvolle Entsprechung. Man würde das, den Bezug zum technischen Zeitalter an dem leichten Eindringen von Nervosität empfinden, auch wenn der Telegrafenmast im Bilde nicht zu sehen wäre.

Und dennoch scheint die Zeit auch hier in meditativer Ruhe stillzustehen. Die Hektik großer Städte findet andernorts statt, nicht hier.

Die Häuser sind nicht aus der Betonretorte industriellen Bauens. Nichts kann man hier mit dem Lineal vermessen.
Die Hände, die die Häuser bauten und die Jahrhunderte dörflicher Geborgenheit haben sie gleichsam zu Wesen geformt, die schwingend atmen.
Um auf den Telegrafenmast am Straßenrand zurück zu kommen am: Er ist noch von jener Sorte, an den die Kinder ihre Ohren legten, um auf das geheimnisvolle Summen in ihm zu lauschen.

Im Grunde also ist das ganze Bild doch verträumt und still. Denn es ist Abend, der ins nächtliche Blau versinkt.
Schüchterne Ockertöne bewahren sich im Mondeslicht, deren leichte violette Tönung noch etwas wie Erinnerung an die Abendröte in sich trägt.
Sanft steht der goldne Sichelmond am Himmel, und man fühlt sich erinnert an Matthias Claudius und sein Lied "Der Mond ist aufgegangen..."
Zwischen Berg und Tal brennt nur noch ein letztes Licht hinter einem Giebelfenster, und man ist des weiteren versucht, an Goethes wundervolles vorromantisches Gedicht zu denken - "Über allen Gipfeln ist Ruh, über allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch..."
Geradezu märchenhaft ist es, daß der Mond aus den Wolken herabzukommen scheint, nicht hinter die Berge versinkt, sondern verwunderlicherweise vor den Bergen steht, um mit seinem Schimmer noch näher den menschlichen Behausungen zu sein. Und unwillkürlich denkt man an den "Kleinen Häwelmann", den der Mond besuchen kam.

Jetzt aber einmal halt !
Sind denn hier die Zeiten, die Jahrhunderte verrutscht ? Gibt es das, daß die Romantik einen Riesensprung mitten hinein ins Ende des 20. Jahrhunderts tut ? Ganz selten kommt das schon vor, denn in den Zerrissenheiten, den Turbulenzen, den Kriegen, den Zwängen kollektivistischer Gängelei suchten viele Menschen einen Rückzug, ein Zusichselberkommen in Natur und Stille. Und Axel Wunsch gab dieser Sehnsucht überzeugende Gestalt. Unrecht würde man unserem Künstler jedoch tun, wenn man glaubte, seine Bilder wären stets von solcher Art und Weise.
Die Zeiten schütteln auch die Künstler, genauso sehr wie uns. Diese drücken aber außer ihren eigenen seelischen Befindlichkeiten immer auch Lebensgefühle aus, die zu bestimmten Zeiten allgemein vorhanden und verbreitet sind.

So ist heute mehr die Zeit des angestrengten sich Bewährenmüssens seit der Wende angebrochen. Smarte sieghafte Ellenbogendynamik steht neben hilfloser Resignation. Und so sind auch die Arbeiten Axel Wunschs flüchtiger, dynamischer, vieldeutiger in ihren Liniengeflechten.Glauben sie aber bitte nicht, dass der Künstler diese Dinge nach rationaler Gesellschaftsanalyse in klarem Kalkül ins Bildhafte setzt.
So etwas mag es schon geben, aber lebendige Kunst wird das dann meistens nicht.

Ich bin überzeugt davon, dass nichtrationales Situationserfühlen hier viel mehr am Werke ist, dass manchmal ein aus dem Unbewussten entstehender Bildgedanke oder gar der in seiner Ausdrucksfähigkeit erkannte Zufall ein wesentlicher Ausgangspunkt für ein Kunstwerk ist.
Für das Gesagte mag der "Stier" von 1998 stehen, ein Bild, das wir hier auf die Wand projiziert vor Augen haben und auf dem sich der Graphitstift mit tiefen Linienspuren in den lichten Ölfarbengrund eingegraben hat.

Leichtigkeit und Kraft in einem, so stürmt das Tier nach links an uns vorüber. Doch wenn man den Kopf nach rechts legt, das Querformat im Geiste aufrichtet sieht, wird man einen verquälten und in sich verspannten Menschen in schemenhafter Andeutung entdecken.

Und so war auch der Entstehungsprozess dieses Werkes: unbewusst vor bewußt und erfühlt vor rational.
Zuerst sollte ein Menschbild entstehen ... wurde nicht beendet ...stand da. Vielleicht fiel der Blick des Künstlers auf das Bild, als es einmal zufällig quer vor seinen Augen stand. Und da merkte er auf einmal, dass sich daraus ein Stier entwickeln lässt.
Und so wurde aus dem Zufall, der - wenn man tiefer blickt - kein Zufall ist, ein bildhaftes Symbol unserer Tage zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Für die Stille der Romantik ist diese, unsre Zeit nicht mehr. Diesseitige Dynamik tritt an ihre Stelle.
Viel des Leidens in sich tragend, stürmt dennoch in einer Schicksalsgemeinschaft von Mensch und Tier, von Mensch und Natur das Leben unaufhaltsam weiter und dahin, "Und uns bleibt nichts" - um noch einmal mit unsrem großen Klassiker zu reden - "als mutig gefaßt die Zügel festzuhalten..'

Dr. W. Ballarin
Direktor der «Neuen Sächsischen Galerie» in Chemnitz

 

 

Fritz Schönfelder über A. Wunsch, 2001

 

Axel Wunsch arbeitete auch bei seiner zweiten Pleinairteilnahme vorwiegend in der Natur. Hier findet er die notwendige Ruhe und Abgeschiedenheit um sich ganz auf den schwierigen, sensiblen Malprozeß zu konzentrieren. Malerei hat immer etwas mit Kontemplation zu tun, gleich in welcher Form sie sich dann auch äußern mag.
Wer die früheren Bilder von Axel Wunsch kennt, weiß um deren sinnlich malerisch pastosen Farbauftrag und der damit verbundenen Möglichkeit, den behandelten Gegenstand mehr an Kraft und Ausstrahlung zu verleihen. Zu Gunsten eines noch vollkommeneren malerischen Vortrags, ab sicher auch als ein Gewinn für den Kunstrezipienten tritt heute häufig der Gegenstand auf der Malfläche zurück und bringt sich nur schemenhaft in Erinnerung. Diese Schemenhaftigkeit setzt sich jedoch fester ins Bewußtsein als manch andere.
Durchformulierung. So betritt man im übertragenem Sinne einen Raum und ahnt hinter dem farbigen Licht noch andere Anwesende ohne deren Existenz nachweisen zu können. Es bleibt etwas Rätselhaftes.
In der Malerei "Trommel" stellt sich der Gegenstand sehr selbstbewußt beinahe aggressiv dem Betrachter. Das ihn tragende, stützende Element, der Stuhl, scheint auch gleichzeitig mit ihm aus dem Format heraus zu wandern, scheint die Trommel einzuschränken, aber auch gleichzeitig zu schlagen und so ist der enge Bildraum voller Klangspannung. Etwas droht zu zerreißen oder herabzufallen und das Gegeneinander, Nebeneinander, auch Miteinander von kalten und heißen Farben ist wie Feuer und Wasser - ist eine Zerreißprobe. Ein Bild auf dem sich Härte mit Weichheit streitet und man nicht richtig weiß, ob die kleinen Nebel- oder Rauchschwaden ver- oder enthüllen, fliehen oder zudecken wollen. In ihrer Form- und Farbsprache hebt der Künstler Trommel samt Stuhl weit über die einfache Gegenständlichkeit hinaus, möglicherweise sind sie Ausdruck für Wild- oder Besessenheit, die sich allerdings auf schwachen, wackligen Füßen gebärdet.

Fritz Schönfelder
September 2001                                                                                                                                                                                      <<< zurück