1957............... 

1973 – 80....... 
1982............... 
1983............... 
ab 1985.......... 
1986............... 
ab 1987.......... 
1990............... 
1991............... 
Seit 1992....... 
1993- 95........ 
seit 1995....... 
1996-97......... 

 

Seit 2001....... 

Andreas Schüller geboren in Karl-Marx-Stadt
Lehrausbildung und Tätigkeit als Werkzeugmacher
Tätigkeit als Beleuchter im Städtischen Opernhaus K-M-Stadt
Aufnahme in den Verband Bildender Künstler der DDR
freiberuflich als Maler und Grafiker tätig
Beschäftigung mit Lithografie und großformatigen Bildern
Organisation von Ausstellungen im eigenen Atelier
Gründung der Künstlergruppe Laterne e.V. Organisation von Ausstellungen; Gründung der Galerie Laterne
Ausbildung zum Computergrafiker
Herausgabe der Kunstzeitung Laterne
Tätigkeit als Kunstpädagoge
Beschäftigung mit konstruktivistischen Themen
grafischer Mitarbeiter bei der Organisation von Großveranstaltungen; Beschäftigung mit Grafiken für Kinderbücher; Roman „Babuschka“ fertiggestellt
Tätigkeit im Kunstverein Laterne als Galerist und Organisator von Ausstellungen, Kunstprojekten sowie Kunstmessen; Es entstehen großformatige Acrylbilder - wieder Hinwendung zu figürlichen Arbeiten; Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland; Arbeiten in öffentlichen Institutionen, Museen bzw. Archiven


Im Frühjahr 1984 trottete ich zwischen zwei Kindergärten hin und her, in denen ich als Hausmeister arbeitete. Die Straße war kurz und hieß Fritz Reuter. Der Tag war schön und noch jung. Ich hatte keine Lust in die Kindereinrichtungen zurückzukehren. So streifte ich durch die wenigen Hinterhöfe um die Zeit zu vertrödeln. Hinter einigen Garagen stand ein verlassenes Haus. Die Tür war offen. Ich stieg die Treppen hinauf und fand eine stille Klarheit der Räume. Kein üblicher Vandalismus einfach, nur leer. Besenrein wie man sagt.

Ich schaute durch die Fenster des Treppenhauses und im gleichen Augenblick fiel das Sonnenlicht in die einfachen Räume und brachte die Atmosphäre des asketischen Beginnens in die scheinbare Unberührtheit.

 

Ich begann sofort davon zu träumen hier zu leben in einer Abgeschiedenheit und Einfachheit, die den Alltagströdel entschlackt. Leere Räume hatten mich schon immer begeistert. Einen Tisch einen Stuhl hinein und schon kann man beginnen das „Werk“ zu schaffen. Das war das Ideal. Die Ausführung war leicht. Dadurch, dass ich als Autodidakt in den VBK der DDR aufgenommen wurde, hatte ich die Möglichkeit im Rathaus auf der Gewerberaum-Mietstelle ein Zimmer für die Tätigkeit als Maler und Grafiker zu bekommen. Für das von mir anvisierte Haus gab es keine Warteliste, denn kein anderer wollte hinein und innerhalb von drei Wochen konnte ich einziehen. Wenig später zog Matthias Stein in der Etage oben drüber ein. Nach dem Einzug stand nicht viel mehr drin als wie eben beschrieben, vielleicht noch eine Bettstelle.

 

Danach ging es gleich los. Ich wollte riesige Bilder machen in der Größe Csontvárys´ „Ruinen des griechischen Theaters in Taormina“ ca. 5 Meter mal 3 Meter. Weil ich weder Geld für Leinwand oder sonstige Ausrüstung hatte, nahm ich die billigste Variante. Schulfarben und Latex auf zusammengeklebtem Pack-papier. Die einzelnen Stücke Papier waren ca. einen halben Quadratmeter groß und nach und nach kam ich auf die Maße der längsten Wand. Die auf dem Fußboden zusammengeklebten Malgründe wurden unter großen Anstrengungen an die Wände genagelt. Dann wurde die Zeichnung aufgetragen – möglichst brutal, möglichst schräg. Im Anschluss wurde die Farbe aufgebracht nach augenblicklicher Empfindung aber immer mit stärkst möglichem Kontrast. Nun folgten die Gesamtschau sowie die Korrekturen, die tagelang dauerten. Aber es war mehr eine Meditation. Ein Immer-wieder-mit-den-Augen -ablaufen der Konstruktionen, der Komposition, der einzelnen Form. Das Versenken in den Gegenstand. Dabei liebte ich keinen Aktionismus. So entstanden die Bilder langsam nacheinander. Aber man gelangte auch an Stellen, wo man innerlich nicht weiterkam. Auch nicht mit dem protestantischen Arbeitsethos, der sonst hier herrschte. Das führt nur zu ewigen Wiederholungen. Dann musste man es eben gut sein lassen und eine neue Sache beginnen.

Ziel dieser Malwüterei war es in der Art von Balzacs „Menschlicher Komödie“ eine umfassende Darstellung des Lebens der Menschen malerisch zu fassen. Das ist gescheitert. Nach vielleicht 15 Bildern war mein Formenreichtum alle. Zwei Arbeiten dieser Großformate sind wohl mal im Schauspielhaus zu sehen gewesen. Seit meinem Auszug sind sie aber verschollen.

 

Danach versuchte ich mich in Details. Auf einmal entstanden Blätter, die ganz anders waren, kleine Formate max. A3. Daraus entsprang eine Serie von ca 30-40 Blättern. Es waren im Grunde winzige Ausschnitte von großen Bildern, sagen wir Struktur und Farbstudien. Von heute aus würde ich sagen Symbole der Auflösung des Auseinanderdriftens.

 

Danach war dann Hausmusik angesagt, mit trommeln auf Plastekanistern und ähnlichem. Da war auch mal Klaus Loeser zu Gast und wir probten aber ohne gegenseitiges Verständnis. Jeder trommelte und schrillte in seiner Weise – zusammen ging das nicht. Sicherlich mischte sich das auch zeitlich, Musik lief immer nebenher vor allem mit Matthias Stein. Was besser funktionierte, wahrscheinlich wegen der strengen Rhythmusaufsicht, die Matthias an den Tag legte. Wir waren angeregt vor allem durch Herbert Junck, dem Trommler der Band Silly. Dessen rhythmischer Einfallsreichtum mich heute noch fasziniert. Ich glaube bald, er hat das erste Mal nach solchen Leuten wie Bärbel Wachholz, Gerd und Thomas Natschinski, Phudhys, Renft und Lift etc. etwas Pfeffer in den ostdeutschen Rhythmus gebracht. Leider ist er früh verstorben. Ich hätte jede neue LP mit zitternden Händen in Empfang genommen.

 

Ich denke, malerisch näherte ich mich damals mit Riesenschritte dem absoluten Nullpunkt - in der Ansicht, die höchste Konsequent findet das höchste Lob, Konsequenz ersetzt Talent und je konsequenter desto näher Gott, fiel bei mir jeden Tag ein scheinbar überflüssiges Element nach dem anderen aus den Arbeiten raus, bis schließlich mein letztes Bild nur noch aus drei Farbflächen bestand und an den Rändern ein wenig tropfende Farbe.

Der Matthias Stein meinte dazu, an Konsequenz lässt das Bild nichts zu wünschen übrig. Es war das erwünschte Lob, aber auch das Ende der Malerei. Denn es blieben nur noch wenige Grad bis zur mono-chromen Fläche. Die brauchte ich nicht mehr gehen. Da war Ruhe im Karton und ich saß da stundenlang und sann nach, was zu tun sei. Lange fiel mir nichts ein.

 

Erst sehr viel später habe ich mich nach und nach mit der Gestaltung von Mandalas ganz langsam von dem eisigen Punkt entfernt, es war wie ein langsames Abdriften auf einer Eisscholle im Quecksilbersee. Das sind eigentlich alles schwarzkünstlerische Praktiken, die nur dann mit Malerei was zu tun haben, wenn Malerei als Magie aufgefasst wird. Die Ablösung vom Kältepol ist gelungen, gehört aber nicht mehr zur Geschichte der Galerie Boykott.

 

Damals knallte es schließlich bei mir ein wie Blitz, Mensch wenn du nicht mehr malen und Bilder hervor-bringen kannst, dann stellst du dich eben in Dienst von anderen Künstlern und stellst die aus. Das ist die Lösung. Wenn der Egoismus sich selber frisst, bleibt nur noch der Dienst am anderen. Unzählige habe sich so ein sinnvolles Leben ermöglicht. Im I Ging heißt es, wenn die Finsternis am größten ist, fällt sie in ihr Gegenteil. Nun ging es auch wieder schnell. Matthias Stein war sicher genervt von meinen Projekten, aber immerhin er besorgte die Künstler. Ich wollte nur, dass was los war. Wer ausstellte, war mir egal. Als ersten kramten wir Jean Schmiedel aus. Wir richteten die Bude neu vor an ein, zwei Wochenenden und dann kam schon die erste Vernissage. Keiner hat sich da irgendwie vorbereitet, alles sollte spontan gehen. Doch mir blieben die Worte im Hals stecken und Jean sprach über seine Bilder. Noch bis heute hasse ich Eröffnungen, obwohl sie mit total sinnvoll erscheinen.

 

Nun folgte Ausstellung auf Ausstellung knapp zwei Jahre lang. Dann war es mir zu viel. Wieder ging ich zum Rathaus und wollte ein neues Atelier haben. Die Frau war dieselbe wie beim ersten Mal. Etwas ungehalten rückte sie mit einer weiteren Adresse raus. Dresdner Str 92 - eine noch größere Bruchbude – sie hätte nicht geglaubt, dass ich die nehme. Das wurde dann die spätere Galerie Laterne.

 

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