A DREI war nie das Publikationsinstrument einer festen Künstlergruppe. Im Jahr 1983 kamen Frank Bretschneider und Claus Löser auf die Idee, Kunst von Freunden in einer Mappe zusammenzufassen und untereinander auszutauschen. Dadurch erhielt jeder der Mitakteure die Möglichkeit, Grafiken, Fotos und Texte von anderen zu besitzen. Gemeinsam wurden Künstler und Bekannte für das Projekt interessiert. A DREI erschien zwischen 1983 und 1990. Ende 1985 übernahm der Verfasser dieser Zeilen, Bernd Weise, die Edition als Herausgeber.

    Das Format gab der Edition den Namen. Doch die erste Mappe, die Ausgabe 1/83, erschien im DIN A 4 Format. Es war der Ausgangspunkt für weitere Projekte. Jeder, der in A DREI vertretenen Künstler, zeigte das Ergebnis Freunden mit gleichen Interessen und so kamen stets neue Akteure mit interessanten eigenen Arbeiten hinzu.

    Die Auflagen wurden als Beleg-Exemplare an die Beteiligten verteilt. Durch den Verkauf einiger übriger Exemplare an Museen und Sammler wurden die Herstellungskosten abgedeckt. Die Herausgabe war illegal, gestaltete sich stets

schwierig und konnte nur mit Hilfe von Freunden und Gleichgesinnten realisiert werden. So fertigte ein Buchdrucker in Leipzig die Inhaltsver-zeichnisse im Handsatz an. Damit riskierte er seine Existenz, da er das ohne offizielle Genehmigung tat, ohne die nichts Geschriebenes vervielfältigt werden durfte. Teilweise kümmerten wir uns selbst um das Reproduzieren der Arbeiten für die teilnehmenden Künstler. So wurde ein umfangreicher Textdialog von Barbara Köhler und Kerstin Hensel fünfundzwanzig Mal mit der Schreibmaschine abgeschrieben. Die staatlich notwendige Genehmigung zum Druck, die immer mit der Druckgenehmigungsnummer auf dem jeweiligen Druckerzeugnis erscheinen musste, konnte man umgehen, wenn der Text als Bestandteil der Grafik in die künstlerische Gestaltung einbezogen wurde. Für Andreas Stelzer druckten wir Radierungen auf einer ausrangierten alten Handwäschemangel. Die einzelnen Ausgaben der Edition hatten eine Gesamtauflage von jeweils 25 oder 30 Exemplaren. A DREI erschien parallel zu den lizenzierten Kunstverlagserzeugnissen, immer ohne Druckgenehmigung und unterlag damit

als illegale Aktivität der besonderen Beobachtung durch den Staatssicherheitsdienst. Bespitzelungen waren die Folge.

 

Abt. XX 17 KMSt. 27.11.1987 Mit der Herausgabe der Untergrundzeitschrift (Mappe mit gehefteten Blättern – Lyrik, Prosa; Fotografie, Siebdruck, Linolschnitt) „A DREI“ verfolgte (- Name geschwärzt -) das Ziel, eine Alternative zur staatlichen Kultur- und Verlagspolitik zu schaffen. … Die Beiträge in den herausgegebenen „A DREI“ waren strafrechtlich nicht relevant. Herstellung und Verbreitung der „A DREI“ stellte einen Verstoß gegen die „Anordnung über das Genehmigungsverfahren für die Herstellung von Druck und Vervielfältigungs-erzeugnissen“ dar. Ein dazu erarbeiteter Vorschlag zur Einleitung eines Ordnungsstrafverfahrend durch die zuständigen staatlichen Organe wurde nach Konsultation mit der Hauptabteilung XX nicht realisiert, um zentrale Maßnahmen im Bereich Kunst/Kultur nicht zu beeinträchtigen.

 

Dass das, was geschah, von gesellschaftlicher Bedeutung war, wurde uns schnell bewusst! Ursprünglich nur zur Kommunikation untereinander bestimmt, wuchs die Zahl der Interessenten an A DREI. Die Sächsische Landesbibliothek in Dresden kaufte jeweils ein Exemplar, vom Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden wurde A DREI gekauft, auch von den Kunstsammlungen in Karl-Marx-Stadt. Exemplare der Untergrundedition A DREI befinden sich auch in der Sammlung des Deutschen Historischen Museums in Berlin und in weiteren international bedeutendend Sammlungen. Dass unter den damaligen Interessenten an A DREI auch Stasi-Mitarbeiter waren, wurde nach der Wende zur Gewissheit.

    Zu den A DREI Stammkünstlern gehörten neben Frank Bretschneider auch Gudrun und Jürgen Höritzsch, Frank Herrmann und Barbara Köhler. Texte lieferten der Lyriker Hans Brinkmann, der Hallenser und nun in München lebende Schriftsteller und Wissenschaftler Andreas Kühne und die in Berlin lebende Chemnitzer Schriftstellerin Kerstin Hensel. Der in Hainichen geborene Lyriker Christian Heckel, der auch unter dem Künstler-namen Radjo Monk bekannt wurde, engagierte sich ebenfalls in der alternativen Kunstszene und arbeitete mit der Untergrund-Edition A DREI zusammen. Mehrfach war der Berliner Fotograf Kurt Buchwald beteiligt, ebenso Thomas Florschütz, Matthias Leupold und Florian Merkel. Graphiken kamen auch von Wolfgang Hartzsch, Andreas Lochter, Holger Koch, Ronald Weise, Klaus Hähner-Springmühl, Sieghard Pönisch, Steffen Volmer, Jörg Steinbach, Jan Kummer, Carsten Nicolai und Olaf Nicolai, Thomas Müller (TM Rotschönberg) und Anderen.

Wichtige Arbeiten von Künstlerinnen waren die von Christine Schlegel, von Gundula Schulze und von Angela Hampel.

    Seit der ersten „KONTAKTE“ Mappe der Edition „A DREI“ 1/86/8, wurde die Mappe neu konzipiert. Die Kommunikation fördernde Idee war, dass sich jeder mit seiner Arbeit auf die Äußerung eines anderen Künstlers beziehen sollte. Neu war, dass Arbeiten von Künstlern, die ein Studium absolviert hatten, gleichberechtigt mit Arbeiten von ernstzunehmenden Autodidakten vereint waren. Dadurch erhielten diejenigen Künstler, die nicht im DDRKünstlerverband waren, eine größere Öffentlichkeit. Gern wurden Autodidakten von offizieller Seite ins kriminelle Abseits gedrängt.

A DREI wurde damit zur Plattform für den Austausch zwischen in die Illegalität gedrängten Autodidakten und bereits etablierten Künstlern.

    Klaus Hähner-Springmühl reflektierte bei seinem Beitrag in „KONTAKTE“ van Goghs Briefe an seinen Bruder. Er versah sein fotografisches Selbstporträt mit einem handschriftlichen Text. Christian Heckel fixierte in seinen Zeilen seine persönliche Situation und nannte seinen Text „Kein Kontakt“. Ronald Weise bezog sich mit seinem Holzschnitt auf einen Text des expressionistischen Schriftstellers August Stramm, den er typografisch in seine Grafik einbezog. Kerstin Hensel und Barbara Köhler führten unter dem Thema „KONTAKTE“ einen Dialog „Landschaft mit Argwohnauten oder die Abwaschmädchen der Nation“. In einer anderen A DREI – Ausgabe bezogen sich Andreas Schüller, Klaus Süß,

Frank Bretschneider, Osmar Osten und weitere Künstler auf das Gedicht „Pepita“ von Hans Brinkmann, welches das Thema für diese Mappe

bildete.

    Alles war unter Kontrolle, nicht nur bei A DREI. Auch die seit der Eröffnung der Privatgalerie (im Stasi-Jargon: Galerie Boykott) im Atelier Schüller bestehenden Kontakte wurden penibel von mehreren IM`s registriert und gemeldet. Später erfuhr man durch Wohnungsnachbarn von Befragungen durch die Stasi. Observationen und Hausdurchsuchungen, auch als Brandschutzkontrolle durch Polizei und Feuerwehr getarnt, waren an der Tagesordnung.

 

Abteilung XX/7 KMStadt, 26.3.1986 Bei Weise im Bücherschrank sah ich eine Broschur, Hähner-Springmühl zu Gedichten von Heiner Müller. Hergestellt im Siebdruckverfahren, also eindeutig ein sogen. Künstlerdruck, nichtlizensiert. Ich nahm das Ding heraus und fragte Bernd Weise, wie es denn kommt, dass Hähner-Springmühl zu Gedichten von Heiner Müller etwas macht, ob es der Dramatiker Heiner Müller überhaupt sei?

 

Aufgrund der thematischen Konzeption der Edition konnten zahlreiche neue interessante Künstler für die Mitarbeit gewonnen werden. Bei A DREI „MUSIK IST MEHR ALS EINS“ wurde auf einer Musikkassette erstmals ein Überblick über die experimentelle Musikszene im damaligen Karl-Marx-Stadt gegeben. Die A DREI Edition zum Thema Musik wurde am 9. November 1987 gemeinsam mit Arbeiten von Wolfgang Hartzsch in der privaten Galerie in der Fritz-Reuter-Straße vorgestellt. Als „Duo Blau“ musizierte Wolfgang Hartzsch mit seinem Bruder Andreas Hartzsch zur Vernissage der Ausstellung.

 

Abt. XX 17 KMSt. 27.8.1987 Durch Fahndungsmaßnahmen wurde bekannt, daß er (Schüller) durch den Weise, Bernd vorgeschlagen bekam, in seinem Atelier eine Ausstellung mit Malerei / Graphik des Hartzsch, Wolfgang durchzuführen. Weiterhin soll zu dieser Ausstellung die neue Mappe – A3 – zum Thema Musik vorgestellt werden. Zur weiteren Aufklärung dieses Sachverhaltes wird vorgeschlagen durch zielgerichteten IM – Einsatz Ziele, Absichten und Pläne dieser Personen weiter aufzuklären.

 

Auch die Edition 2/87/12 KLAR VOR MIR – MUSIK folgte diesem Thema. Die beigegebene Kassette „Melodie und Harmonie“, erschienen in Frank Bretschneiders Edition KlangFarBe, enthielt Musikaufnahmen von Kartoffelschälmaschine (Klaus Hähner-Springmühl, Gitte Hähner-Springmühl und Frank Raßbach), Die Gehirne (Claus Löser, Steffen Geißler, Stefanie Schmoll, Florian Merkel und Frank Maibier), Die Bovinisten, AG Geige (Frank Bretschneider, Jan Kummer, Ina Kummer, Torsten Eckhardt), Hausmusik (Tobias Tetzner, Hilmar Messenbrink), Stein im Brett (Matthias Stein, Frank Bretschneider), Tropenkoller, Raschke&Raßbach und Vaginentraum. Mit Graphiken, Fotos und Texten zum Thema Musik waren Frank Bretschneider, Jan Kummer, Jörg Wehner und der Berliner Schriftsteller und Journalist Ronald Galenza vertreten.

    Als Besonderheit und Höhepunkt der Editionsreihe gilt bis heute die A DREI 1/89/15 „ASPEKTE AKTUELLER DDR-FOTOGRAFIE“ von 1989. Sie vereint Originalfotografien von Erich Wolfgang Hartzsch, Olaf Rauh, Peter Franke, Manfred Butzmann, Klaus Hähner-Springmühl, Robert Paris, Florian Merkel, Tina Bara, May Voigt, Gundula Schulze, Jörg Knöfel (York der Knofel), Kurt Buchwald, Frank Herrmann, Andreas Seeliger, Ernst Goldberg, Ralf Rainer Wasse, Eva Mahn und Florian Merkel. „TRANSFUSION“ hieß die 1990 erschienene Ausgabe. An ihr beteiligten sich unter anderem Frieder Heinze, Dieter Goltzsche, Claus Weidensdorfer, Gudrun Höritzsch, Jürgen Höritzsch und Osmar Osten. Den Umschlag dieser letzten A DREI zierte eine Kohlezeichnung von Andreas Stelzer.

    In allen erschienenen sechzehn Editionen A DREI wurden zwischen 1983 und 1990 insgesamt 276 Arbeiten von 85 verschiedenen Künstlern, von Malern und Grafikern, Fotografen und Textautoren, von Musikern und Komponisten vereint. Herzlichen Dank allen, die am Zustandekommen beteiligt waren!

 

 

Bernd Weise, 12. Januar 2010.

 

 

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