RAIMUND FRIEDRICHs Arbeiten sind als "Mischtechnik, Zeichnung, Collage" ausgewiesen. In ihnen wird eine Balance gehalten. Den unterschiedlichen Elementen soll genügend Platz zu ihrer Entfaltung bleiben, gleichzeitig sollen sie sich ins Gesamtbild einfügen. Er sampelt meistens mit Respekt, manchmal spöttisch, ironisch, seltener zweckentfremdender Absicht...

Auszug aus Laudatio von Hans Brinkmann / Ausstellung im Theaterfoyer Freiberg


Jens Kassner: Zu Raimund Friedrich:

 

(Ausstellungskatalog Raimund Friedrich – Fritz Schönfelder. Chemnitz, NSG, 1996.)

 

Die Szene ist dunkel, ein sonores Rauschen schwillt quälend langsam an und an und an. Ein Blitz. Erlösend. Synchron zum kräftigen Akkord auf der Gitarre. Dem Keyboard. Den Drums. Ein komplettes Geflecht entfaltet sich in den Raum, sich teilend, den Rhythmus wechselnd, Synkopen setzend. Klangteppiche werden von schneidenden Einsätzen zerrissen. Das Gebilde wächst, blüht und vergeht. Ohne Regelmäßigkeit. Wie es will.

Raimund Friedrich ist Musikliebhaber. Liebhaber? Fanatismus wäre das treffendere Wort. Musik? Das muss man konkreter fassen. An prominenter Stelle steht der komplizierte, virtuose, bombastische Art-Rock der Spätsechziger/Frühsiebziger. Namen wie Frank Zappa, King Crimson und Gentle Giant sind Landmarken, aber keine Grenzsteine. Zu nennen sind da noch Jazz und Minimal Music, Klassik und die vielen Formen, die sich nirgends einordnen lassen. Aus dem Meer der Belanglosigkeiten zieht er doch ab und zu Neues, Interessantes, Ausgefallenes heraus.

Die Parallelen zwischen diesen Vorlieben und Raimund Friedrichs Kunst sind nicht zu übersehen. Das Gestische, Affektive spielt eine wichtige Rolle. Mit ecriture automatique beginnt das Eigenleben manchen Bildes. dabei kann die Farbe eventuell auch mit den Fingern aufgetragen sein. Doch bei der spontanen Geste bleibt es nie. Falls nicht schon diesem ersten Hieb eine kompositorische Erwägung vorausging, setzt spätestens hier der Drang nach Vollkommenheit ein. Der Prozess der Durcharbeitung zieht sich hin, findet aber seinen Schlussakkord, bevor das Publikum sich langweilen könnte.

Das Verhältnis von Spontaneität und Kontrolle ist hier nicht einfach. Der Künstler geht vor wie ein Musiker, der seine Schmerzen an dieser Welt ebenjener zornig ins Gesicht schreien möchte, aber sein Instrument oder seine Stimme viel zu virtuos beherrscht, um sich auf zwei oder drei schräg heruntergedroschene Akkorde beschränken zu können. das Schräge kommt vor. Aber nicht aus Unvermögen, sondern als gezielt eingesetztes Mittel. Blue Notes am geeigneten Platz. Es mag vielleicht paradox erscheinen, aber für diesen Prozess bieten sich Bezeichnungen wie „Perfektionierung des Zufalls“ oder „Verfeinerung der Unordnung“ an. Raimunds Vorgehen hat aber auch etwas Paradoxes an sich in seiner Kombination von Heftigkeit und Vollendung.

Kunst ist für ihn immer konzentrierte Arbeit, kein vordergründiges Kombinieren von Effekten, deren Wirkung schnell verpufft. Die Mehrheit der Arbeiten kann man mit dem heute landläufigen Begriff „abstrakt“ etikettieren. In diesen speziellen Falle erkennt man aber eine Kombination zweier unterschiedlicher Vorgehensweisen.

Erstens der Reduktion im Sinne des Vereinfachens von vorgefundenen Naturformen zu allgemeingültigen Formeln, also der eigentlichen Abstraktion als Prozess; zweitens der Anreicherung dieser verkappten Begriffe mit Formen, die man unter diesen Formeln einordnen könnte, die sich so in der Natur aber nicht finden lassen.

Bei all diesem Theoretisieren kommt es vor, in eine Falle zu laufen. Da betrachtet man ein Friedrichsches Bild, überlegt sich schon mal Interpretationsvarianten, und dann liest man den Titel: „Niedere Tatra“ und erkennt plötzlich Landschaften wieder, die man auch schon sah. Aber das ist die große Ausnahme, in diesem speziellen Falle einer Künstlerbund-Ausfahrt ins Slowakische im milden Oktober des heißen Herbstes 89 geschuldet. In früheren Arbeiten kam es häufiger vor, dass Elemente auftauchten, die man eindeutig identifizieren konnte. Fische z. B. oder Menschen. Aber die neueren Arbeiten Raimund Friedrichs bieten stattdessen andere Qualitäten. Augenfällig ist zunächst der Vorstoß in neue Formate, wobei Größe in der Kunst nicht zwangsläufig ein Flächenmaß ist. Schwebten frühere Formexplosionen häufig im freien Raum, sind sie jetzt hintergründiger geworden. Rückschlüsse auf die Person des Künstlers bleiben geschulten Psychologen vorbehalten. Die Blätter werden dichter. Bis hin zu einer Vielschichtigkeit und Platzausnutzung, die man schon als horror vakui bezeichnen könnte, wären da nicht andere Arbeiten, auf denen sehr großzügig mit den verfügbaren Raum umgegangen wird. Zugleich treten konstruktive Elemente stärker hervor. Lineare Gerüste werden sichtbar einbezogen, manchmal findet man sogar Symmetrien und serielle Reihungen. Diese neue Unterordnung erlaubt es, das Blatt gelegentlich konsequent und lückenlos mit Binnenzeichung zu überziehen, während zuvor die Setzung eines oder mehrerer visueller Schwerpunkte verbindlich war. Außerdem kommt der Künstler dem Betrachter näher: er verlässt die Fläche, bezieht manchmal reliefartige Strukturen ein. Bezog er ab und zu auch früher schon plastische Elemente im Sinne von Assamblagen ein, so ist die erneute Anwendung des Verfahrens wohl Anregungen zu verdanken, die beim Eschenbach-Pleinair im Frühjahr 95 aus der räumlich gedrängten Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, vor allem Fritz Schönfelder, entstanden. Fritzens frische Fädenschnipsel gaben gar einem der Bilder den Namen. Aber auch ohne diese Ausflüge ins Haptische und der Einbeziehung von Fotos hatten Raimunds Arbeiten schon immer einen Hang zur Grenzverletzung. Die Auswirkungen seiner musikalischen Vorlieben wurden schon genannt. Daneben spielen Texte eine große Rolle, Zitate werden häufig in die Bilder einbezogen. Manchmal aus der Musik. Aber nicht nur. Zuweilen kann es auch private Philosophie sein. Oder ein ungezieltes Vor-sich-hin-Sinnieren während der Arbeit. Wer es wissen will, kann die Message entziffern, die Handschrift ist meist lesbar. Aber die Aussage ist eine Sache, die optische Wirkung bleibt wichtiger. So merken auch nur Aufmerksame, dass vor allem in neueren Blättern der lesbare Text durch eine freie Kalligraphie ersetzt wurde. Freilich ist das keine klassisch geprägte Schönschreiberei, sondern ähnelt eher Krakeln, die William Burroughs in Klotüren geritzt haben könnte. Oder Tom Waits auf die Kneipenrechnung.

Das mag für empfindsame Ohren vernichtend klingen, obwohl Vergleiche mit Burroughs und Waits auch schmeichelhaft sein können. Je nach Standpunkt. Auf jeden Fall hat dieses Texten eine spezifische Art von Poesie. Wer möchte behaupten. die „Briefe an den Mond“ hätten keinen Inhalt?

 

 

Zitate zu Raimund Friedrich

 

„..seine ‚Innenwelten’ demonstrieren seine ganz eigenen Anschauungen. Fragmente, ein Hauch von Undurchsichtigkeit und ein schrilles Farbensammelsurium – Raimund Friedrich liebt es extrem und trotzdem ruhig. Die neuen Arbeiten auf Papier ... sind bunt und aufwendig. ... Seine Werke entstehen häufig durch musikalische Anregung. Dann zeigt der Maler und Graphiker Fanatismus, wirkt die Inspiration und lässt Aufbäumen und eine unerklärte Kraft versprühen ... Friedrichs Kunst ist nicht vordergründig abstrakt, klare Linien sind allerdings genau so wenig zu finden.

Die Arbeiten wirken durch die Form- und Farbgestaltung sowie die Möglichkeit der freien Auslegung. Sie zeigen Idealismus und Bodenständigkeit zugleich, wirken formintensiv und trotzdem haltlos. Alle diese Gegensätze lassen jedoch eines deutlich erkennen: Handwerk. Keines der Bilder bricht aus dem Rahmen, keines lässt irgendwelche Klischees haften. Raimund Friedrich stellt Kunst dar: in Formvollendung und trotzdem vollkommen frei.“

(Gritt Stache in „Freie Presse“, 8.Juli 1994)

 

„Die Innenwelten sind aufwendig, schrill, ungehalten. Sie zeigen Naivität und Intelligenz gleichermaßen, ein Stück verspielte Kunst, die ihre ganz eigenen Regeln hat. Die von Raimund Friedrich ... haben viel mit Leidenschaften und Leidenswegen zu tun, viel mehr jedoch mit Musik ... .Seine neuen Arbeiten auf Papier ... sind nicht unpolitisch, aber auch nicht mit dringenden Botschaften behaftet. Friedrich zeigt statt dessen eher Stimmungen, die aus seinem tiefsten Inneren kommen. Eben „Innenwelten“

Jenes Herzstück ist vor allem durch die Musikgeprägt. Es zeugt von Rebellion, wie es Musiker wie Frank Zappa, King Crimson, John MCLaughlin oder die Rolling Stones zelebrierten. Dieses Aufbäumen findet sich in Friedrichs Werken Wieder. Spannung und ständiges Drängen wird durch extreme Farbenvielfalt symbolisiert, ohne dass ihn diese Unruhe aus der Bahn wirft.

Trotz mancher unverständlicher Motive wirken die Bilder so nah, persönlich .... Seine Bilder verquicken verschiedene Extreme miteinander, ohne den Blick auf die Realität zu verlieren .... Es reizt das Geheimnisvolle, das Unheimliche, das Fremde.“

(Gritt Stache in „Freie Presse", 21.Juli 1994)

 

 

Interview im Jahr 2006

(Vorbereitung der Laterne-Ausstellung in Tampere, Finnland):


Laterne: Wie würdest du deine Arbeit beschreiben?

 

Raimund Friedrich: Wenn man Bilder macht, wie soll man das beschreiben?

Man hat momentan das Gefühl, daß sich wenig Leute für Bilder interessieren (außer teure Wertanlagen). Ich bringe oft den Vergleich von den Wetten, die ich aussende mit meiner Arbeit und ich hoffe, daß diese (Bilder-) Wetten ankommen und aufgenommen werden von einigen interessierten Menschen.

 

Laterne: Was treibt dich bei der Arbeit an?

 

Raimund Friedrich: Manchmal ist das einfach Spaß und Freude am Gestalten, am Schöpferischen. Oft denkt man nicht nach über Art des Antriebes, man macht einfach was. Das wird meist am besten.

 

Laterne: Aus welcher Tradition kommst du?

 

Raimund Friedrich: Ich habe in Halle (Burg Giebichenstein) studiert, aber von dort kann ich keine klare Tradition erkennen. Man pickt auf, was man gut, richtig und wichtig empfindet, immer neu.

 

Laterne: Welche Techniken bevorzugst du?

 

Raimund Friedrich: In den letzten Jahren habe ich mit meinen “Bildbrettern” auch die 3. Dimension erobert. Da sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgelotet. Ansonsten male, zeichne und schreibe ich mit allem Material, was ich habe. Also Mischtechniken. Warum Druckgrafik mich nicht interessiert, weiß ich nicht. Die Plastik liegt noch vor mir.

 

Laterne: Was stellst du in Tampere aus?

 

Raimund Friedrich: Vielleicht suche ich “Raimund Friedrich – Best of” raus. Eigentlich wollte ich etwas zeigen, das bis jetzt noch nie auf Ausstellungen zu sehen war. Da gibt es noch einiges. Aber warum gerade in Tampere!? Dort hat wahrscheinlich noch niemand ein Raimund Friedrich – Bild gesehen. Also doch wieder so kreuz und quer wie oft.

 

Laterne: Was waren Höhepunkte in deinem bisherigen Schaffen?

 

Raimund Friedrich: Ich springe nur so von Höhepunkt zu Höhepunkt. Meine großen Ausstellungen habe ich in angenehmer Erinnerung wie die 1995 in der Neuen Sächsischen Galerie (damals noch auf dem Kaßberg) und 1997 in der Freiheitshalle Hof. Das wäre so heute nicht mehr möglich. Meine kleinen aber feinen Präsentationen in New York waren für mich Meilensteine. Ein völlig anderer Höhepunkt waren einige Veränderungen an meinem Haus, mit denen ich mich schwertat, die aber nun endlich ausgestanden sind. Mein “Musikprojekt” ist für mich die Arbeit, hinter der ich am meisten stehe.

 

Laterne: Was hast du als Nächstes vor?

 

Raimund Friedrich: Ich arbeite an Varianten für eine plastische Gestaltung für eine Schweizer Firma. Das ist für mich etwas völlig Neues. Ich habe momentan eine Ausstellung in der neuen, schönen Musikkneipe “neruda” (Chemnitz, neben der Stadthalle). Dieses Jahr fliege ich auch wieder nach New York, wo ich mehrere Aufgaben angehen und Kontakte auffrischen will. Es ergibt sich eventuell ein Groß-Kunstprojekt zum Thema Familie. Das würde über mehrere Jahre laufen – ist aber ein noch ungelegtes Ei. Ich freue mich über die Einladung zu einem internationalen Kunstprojekt, bei dem die von Andy Warhol geförderte Avantgarde Rockband „“Velvet Underground” im Mittelpunkt steht. Ich liefere dabei mehrere Bilder zu John Cale, was direkt an mein Musikprojekt anknüpft.

 

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