Der dramatische Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Frühherbst 2015 ist in meinem beschaulichen Dänemark fast an mir vorbei gegangen.

Ich sah im Bahnhof von Frederikshavn den SPIEGEL mit einer Abbildung des Katastrophen-Lieferwagens, in dem alle Insassen auf fürchterliche Weise erstickt sind. Die Fluchthelfer waren abgehauen mit der teuflischen Weisung, die Tür des Kühlwagens nicht zu öffnen.

Schon bei dieser grauenhaften Einzelgeschichte (die Haupttäter sind erst kürzlich, ca. drei Jahre später abgeurteilt worden) erahnte ich, dass sich hier Weltpolitik abspielt, die uns und alles um uns herum verändern wird.

 

Die Gesamtdimension begriff ich dann erst zu Hause, als die Nachrichten wieder geballt auf mich einprasselten. Ich dachte sofort daran, dass man mit künstlerischen Mitteln reagieren muß. Eine erste vage Projektvorstellung brachte ich im Frühjahr 2016 in meinem alten Kunstverein LATERNE ins Gespräch.

Ich weiß nicht mehr, ob der Moment gerade ungünstig war, oder Holger Weigelts guter Schweinebraten noch unverdaut und schwer in den Mägen lag – an meiner Projektidee bestand kein Interesse.

In meinem anderen Verein „„Kunst für Chemnitz“ stellte ich zum Einstand 2016  mein Projektvorhaben erneut vor. Es schien Interesse zu geben und ich quälte mich ab mit Formulierungen für die entsprechenden Ämter.

 

Hier der Wortlaut meines Projektes von 20. 03. 2017:

 

Konzept für ein Kunstprojekt

Arbeitstitel

FLUCHT / HEIMAT / HEIMATLOS

Das Thema „„Flüchtlinge“ ist DAS gesellschaftspolitische Thema Nummer EINS – deutschlandweit, europaweit, weltweit. Diskussionen um dieses Thema führen zu Brüchen innerhalb von Partnerschaften, Freundschaften, Familien, Stammtischen, Parteien, Dörfern, Städten, Ländern – sogar Kontinenten.

Die Entwicklung, auch international, ist momentan beängstigend. Selbst liberale Länder, die in ihrer multikulturellen Entwicklung wesentlich weiterentwickelt sind als Deutschland – wie beispielsweise das freundliche Dänemark oder die Niederlande, driften stark nach rechts ab.

 

Das Flüchtlingsthema hat bislang verschüttete Rechtslastigkeit in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft gezerrt. Ist der Wohlstand der reichen Länder gefährdet?

Ist die Sicherheit nicht gewährleistet? Wieviel Solidarität ist möglich? Wann kippt die Stimmung?

Wie wir wissen, gibt es momentan keine einfachen Antworten. Die sogenannten „„Populisten“ haben Hochkonjunktur und ziehen ihre banalen Antworten aus der Hosentasche. Das Spalier der Flüchtlings-beklatscher aus München und anderswo im Spätsommer 2015 ist längst verstummt, seit Unterbringung und Eingliederung in harte, anstrengende Arbeit übergegangen sind und man bemerkt hat, daß dies alles auch sehr teuer wird. Eine gerechtere Lastenverteilung innerhalb von Europa ist nicht in Sicht. 

 

Geblieben ist die konträre gesellschaftliche Diskussion, die zur Spaltung geführt hat.

Die gebetsmühlenartige Wiederholung unserer Politiker von der Bekämpfung der Fluchtursachen nimmt niemand mehr ernst – es scheint ohnehin unmöglich zu sein.

Schwerste Krisenherde, wie die Bürgerkriege in Syrien, dem Irak und in Afghanistan sind längst Stellvertreterkriege geworden. Irgendwelche Lösungen, der große Wurf, sind trotz halbherziger internationaler

 

 

Bemühungen nicht in Sicht. Völlig unterschiedliche Interessen gehen über Leichen und produzieren gnadenlos immer neue Flüchtlinge. Schleuser und die Waffenlobby können sich die Hände reiben.

Durch die akuten Bürgerkriegsnationen in Nahost treten die verheerenden Zustände in vielen Ländern Afrikas automatisch in den Hintergrund. Die Zahl der möglichen Flüchtlinge aus diesen Regionen könnte alles Bisherige in den Schatten stellen.

 

Dabei sind zukünftige Fluchtbewegungen infolge der beängstigenden Klimaveränderungen im Moment noch kaum zu spüren.

Angeblich sitzen 40 Millionen Afrikaner auf gepackten Koffern. Ob es weniger sind oder mehr, weiß keiner genau.

Die meisten sind jung, männlich, schlecht oder gar nicht ausgebildet – auch viele Analphabeten.

Gesellschaftliche Anstrengungen zur Integration werden steigen müssen – die Kosten auch.

Die Reaktion der Gesellschaft und alle Auswirkungen kann jetzt noch keiner klar einschätzen, die Gefahr des Rechtsrucks wird noch größer werden.

Vor diesem erschreckendem Hintergrund sollten wir Bildenden Künstler reagieren.

Nicht agitatorisch – das gibt es schon von unterschiedlichen (politischen) Seiten viel zu viel.

Wir müssen unseren spezifischen Beitrag zu dieser großen gesellschaftlichen Situation und Diskussion einbringen.

Wir werden weder klärend noch entscheidend eingreifen können – nur ANREGEND.

Aber auch das ist wichtig genug, um solch ein umfassendes Projekt anzugehen.

 

Diese Sätze sind über ein Jahr alt – leider jetzt NOCH aktueller als damals.

Das angeschnittene Problem Afrika ist wesentlich akuter geworden. Neue Fluchtrouten, noch gefährlicher als die alten, neue Schlepper, noch teurer als die alten…

Und der Rechtsruck der Gesellschaft – noch entschiedener. (Man denke nur an die Chemnitzer Ereignisse) 

Das liberale Schweden hatte im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge in Europa aufgenommen, die Folge ist auch dort ein erschreckendes Erstarken der Rechtsparteien.

 

An die Projektbeschreibung wurden Ideen zur Projektumsetzung und ein grober Kostenplan beigefügt.

Über den Verein „„Kunst für Chemnitz“ wurde mein Projekt unverändert bei der Stadt eingereicht. Leider unverändert, meine Formulierungen waren nur als Entwurf gedacht, andere Kollegen sollten sich mit eigenen, weiteren Ideen einbringen. Daraus wurde nichts. 

Auf Grund formeller und finanzieller Probleme lehnte die Stadt das Projekt ab - fehlende Eigenfinanzierung, was auch immer. Dazu kam, dass ich spürte, dieses zeitbezogene, hochpolitisierte Thema interessiert zwar und emotionalisiert fast jeden, aber sich künstlerisch zu äußern, ist eine völlig andere Ebene. Die wirkliche Resonanz auf das Projekt war von meinen Kollegen gleich Null.

Auf den letzten großen Welt-Kunstausstellungen „„documenta“ Kassel und Biennale Venedig sah ich eine Menge zum Fluchtthema, leider viel zu verkopft, viel zum Thema Schiff und ich wusste genau, wie ich es NICHT machen wollte.

Ich möchte Erschließbares, Verständliches, Einfaches mit MEINER Handschrift. Das überstrapazierte Vorhaben, „„Zum-Denken-Anregen“, ich will es zum wiederholten Mal versuchen. Und ich hoffe, dass aus meinem jetzigen Einmann-Projektfragment noch ein „„richtiges“, größeres Kunstprojekt werden kann.