Ulrich Schönberg, Chemnitz / *1958. Meine Bilder entstehen und werden verändert, justiert, gestrafft, umgewidmet je nach Intuition.Meine Faszination für das grafische Arbeiten, vorzugsweise die Zeichnung und die Collage, sorgt hoffentlich für Reibung in meinen Arbeiten. Den Gedanken oder die Vorstellung auf dem leeren Medium zu visualisieren, bleibt ein spannender aber geheimnissvoller Prozess, denn stets weicht die Vision vom letzlich erbrachten Resultat ab.




Hans Brinkman, Ausstellungslaudatio  - konvolut - 2018

   Beim Anschauen der Bilder von Uli Schönberg, die allesamt Collagen sind – und zwar Collagen aus zerschnittenen eigenen, früheren Arbeiten, es wird nichts Externes zitiert, fiel mir zuerst das Wort „Remix“ ein. Auch Begriffe wie „Selbstzitat“ und überhaupt „Zitat“ lagen nahe.

  Beginnen wir mit Uli Schönberg. – Wir kennen den Remix aus der Pop-Kultur seit Ende der siebziger Jahre, als auch dort sich die Postmoderne durchsetzte, für die Zitat und Selbstzitat sozusagen symptomatisch sind, in der Malerei gibt es vor allem die "Remix-Serie" von Georg Baselitz, ein paar Beispiele dafür sahen und sehen wir momentan in den Kunstsammlungen am Theaterplatz..., wobei Baselitz allerdings gar nicht mixt, sondern ältere Bilder einfach nur in einer neuen Version noch einmal malt. – Uli Schönberg allerdings zerschneidet eigene, frühere Bilder und setzt neue Versionen davon zusammen, wobei naturgemäß die Originale – anders als in der Pop-Musik, die mit Kopien arbeitet – verlorengehen. Es entsteht aber direkt aus dem Originalmaterial etwas Neues, Zeitgemäßes, das den gegenwärtigen Ansprüchen des Künstlers eher genügt. Was sind das für Ansprüche, wieso wandeln sie sich? Nun gut, die Zeiten ändern sich und man selbst wird älter.

   Warum wurde und wird sonst noch geremixt? In der Musik sind die Gründe historisch belegt und erforscht. Es gibt den „Disko“- oder „Dance-Remix“, der immer ein „Extendend-Remix“ ist, also eine Ausweitung, Verlängerung der ursprünglichen Aufnahme zur „Maxi-Version“, um länger drauf Tanzen zu können bzw. dem DJ zu erlauben, auch mal eine Pause einzulegen, indem er die Platte einfach durchlaufen lässt. Auf der anderen Seite findet sich der „Radio-Edit“, der das Musikstück radiotauglich zurechtstutzt und aufmotzt, damit es ins Format der Sendungen passt. Beispielweise zwischen die Werbeblöcke, Durchsagen und Moderatorenscherze. Es muss sich da irgendwie behaupten, aber die Werbung stören soll es auch nicht. Schwierig, aber jetzt nicht unser Problem.

  Uli Schönbergs Herangehensweise ist eher einer Neuformatierung vergleichbar u. U. dem so genannten „Rendern“ in der Datenverarbeitung. Dabei ändert er manchmal die Motive früherer Bilder, wenn sich ein neues Motiv aus der Zusammenfügung der Teile ergibt. Oft geht es ihm aber auch einfach nur um die Verstärkung des Zentrums, um Hervorhebung, Zusammenfassung, Straffung, Heraus-arbeitung des Kerns der Sache. Da er mehrere Arbeiten zur Herstellung einer neuen benutzt, schält sich manchmal das eigentliche Motiv erst aus dem Vergleich mehrerer Blätter während des Arbeitens heraus. Dass dabei trotzdem immer wieder Werkgruppen oder Zyklen entstehen, macht verborgene, versteckte Kontinuitäten sichtbar. Irgendwie geht es doch öfter um dasselbe, als man als Künstler meinen möchte, wenn man im Herstellungsprozess drinsteckt.

   Uli Schönberg hat lange genug in seinem Leben Werbung gemacht, um die Tricks dessen, was wir neuerdings „Aufmerksamkeitsökonomie“ nennen, zu erkennen bzw. sich für immer wieder neue Tricks zu interessieren. Kunst hat ja manches mit Werbung gemein. Auch werden die Bilder, die Kunst produziert, fortwährend sofort auf Tauglichkeit für die Werbung, besonders für die so genannte „gut gemachte Werbung“, untersucht – und dann wird „geklaut“ wie bei Raben und Elstern. Der Unterschied zwischen Werbung und Kunst ist freilich, dass Werbung zum Kauf eines Produktes außerhalb von sich selbst animieren soll. Kunst verkauft sich selbst. Was heißt das?

   Natürlich ist Kunst Reklame für den Künstler, wie jede gute Arbeit die beste Reklame für den Hersteller sein sollte bla bla bla. Kunst macht 

 

aber immer auch Reklame für die Kunst an sich. Na ja, und dann ist Kunst noch manchmal Propaganda, was ein vernichtendes Urteil ist, denn dann unterscheidet sie sich eben nicht mehr von Werbung. Zumindest in diesem Punkt, dem der Indienstnahme.

  Hier finden die ästhetischen Kämpfe der Gegenwart statt: wie entzieht sich die Kunst der immergleichen, langweiligen, allgegenwärtigen und einzigen Aufforderung: Konsumiere! Konsumiere! Konsumiere endlich, du geiziger Kunde! – Wie kriegt sie es hin, die Kunst heutzutage, noch etwas anderes auf andere Weise rüberzubringen als diese Botschaft, die uns ja nun wirklich nichts Neues mehr sagt?

   Was ist dieses Andere, von dem Kunst spricht? Was lässt sich noch vom Menschen erzählen, das ihm nicht gleich einen Platz als Ware im Verkauf zuweist? Gibt es uns noch jenseits des Marktes?

  Das sind Fragen, die sich nicht im einzelnen Kunstwerk beantworten lassen, vielleicht nicht einmal stellen. Aber allein dass Kunst ihren ästhetischen Maßgaben folgt, entfremdet sie wenigstens teilweise, wenigstens vorübergehend den Marktvorgaben und stellt ihren eigentlichen Wert dar, der nicht so sehr im so genannten inhaltlichen, als im formalen liegt.

  Denn was das Kunstwerk letztlich sagt, hängt nicht vom Sagen-Wollen des Künstlers ab, sondern wird zwischen Bild und Betrachter jeweils ausgehandelt. Ulrich Schönberg greift auf mythologische Vorgaben zurück, etwa den Minotaurus, auch andere Bilder verweisen auf antike, archaische, arkadische, also paradiesische Zustände. Sexualität spielt eine Rolle. Ausgeglichenheit eine andere. Die Montage entspricht dem Zusammensetzen von Scherben, jedoch nicht immer der ursprünglich zusammengehörenden. Es ist Reparatur, die ein praktisches Ziel hat: Wiederherstellung eines Ganzen um den Preis des Originalen. Originell ist es aber dann doch. Der grübelnde „Denkmalschützer“ ist zwar ganz deutlich kein Selbstporträt, könnte aber sehr gut das Nachdenken Ulrich Schönbergs über Fragmente, Zitate und das Überleben der kulturellen Werte und Maßstäbe darstellen. Manchmal ist es aber auch eine Bastelei ins Blaue, zweckfrei, die ihre Nützlichkeit erst noch zu finden hofft. – Im Gespräch geht der Künstler auf das Internet als Inspirationsquelle ein, es fällt aber auf, dass er klassische Kompositionsprinzipien – mittig, frontal, gerahmt – und Genres wie das Porträt, die mehrfigurige Komposition, das Interieur, hier besonders: das Fensterbild bevorzugt.

  Oft schließen sich die einzelnen Elemente bei deutlicher Sichtbarkeit der inneren Risse und Klüfte zu einer Art Emblem zusammen. Das verweist auf das Ringen um Präsenz, wie es in den sozialen Netzwerken eingeübt wird: jeder und jede stellt sich selbst oder irgendein Anliegen sonst in den Mittelpunkt, aber merkt auch die Zerbrechlichkeit von Identität an.

 „Kanopen“ – das sind griechische bzw. etruskische Urnen auf manchen Arbeiten – können in diesem Zusammenhang auch als Metaphern des Identitätsproblems gelten.

Die Fensterbilder hingegen machen den Zwischenraum sichtbar, einen Schwellen- oder Übergangsraum, kein abgeschlossenes Innen, kein totaler Ausschluss, sondern Ausblick und Einblick, Öffnung für den Austausch. Wir kennen das Symbol ja vom Windows-Betriebssystem, aus einem Lied von Leonard Cohen oder dem Rapunzel-Märchen. Manche auch aus einer Erzählung von E.T.A. Hofmann oder dem Film von Alfred Hitchcock. Es kommt immer darauf an, wie so eine Metapher entfaltet wird, der Raum gefüllt und belebt. So hängt das alles einerseits mit der Internetarbeit, andererseits mit der Zurückgezogenheit ins Atelier d. h. ins produktiv Private zusammen.